Zeitreise: Unterwegs mit der Boxkamera Zeiss Ikon Tengor 54/2

In Ostfriesland unterwegs mit der 70 Jahre alten Boxkamera

Seit ich mich vor ein paar Jah­ren bei einem Floh­markt­be­such in eine alte Kamera ver­liebt habe, ver­su­che ich hin und wie­der Zeit zu fin­den um die Alltags-Digitalausrüstung gegen einen Foto­ap­pa­rat aus frü­he­ren Zei­ten zu tau­schen.
Das wis­sen mitt­ler­weile auch meine Freunde und Bekann­ten und so werde ich immer wie­der mal gefragt, ob ich nicht Inter­esse an die­sem oder jenen Dach­bo­den­fund hätte. Auf diese Weise fiel mir vor eini­gen Mona­ten auch diese Kamera in die Hände: Eine Zeiss Ikon Tengor 54/2, die Fotografen-Kumpel Elmar (www.elmarpixx.de) mal von sei­nem Opa bekom­men hatte und der mich nun fragte, ob ich sie mal eine Weile lei­hen und aus­pro­bie­ren möchte. Na klar wollte ich -  aller­dings sollte es dann noch unge­fähr ein hal­bes Jahr dau­ern bis ich Zeit hatte und gleich­zei­tig(!) sehr stark die Sonne schien. Denn die „Box” braucht eine Menge Licht…Zur Kamera:

In Ostfriesland unterwegs mit der 70 Jahre alten BoxkameraBevor es los ging, habe ich ein biss­chen recher­chiert: Die Zeiss Ikon Tengor 54/2 gehört zur Fami­lie der Box­ka­me­ras. Box­ka­me­ras waren kurz gesagt sehr ein­fach gebaute, aber dafür auch extrem güns­tige Kame­ras für die breite Masse. Sie wur­den etwa zwi­schen 1930 und 1960 mil­lio­nen­fach pro­du­ziert.
Das Film­for­mat 6x9 ermög­lichte 8 Auf­nah­men auf 120er Roll­film. Durch die gro­ßen Nega­tive konn­ten, trotz sehr ein­fa­cher Lin­sen mit erheb­li­chen Bild­feh­lern, als Kon­takt­ab­zug schöne Fotos im For­mat 6x9 erstellt wer­den. Die Box­ka­me­ras wur­den in den spä­ten fünf­zi­ger Jah­ren vom prak­ti­sche­ren Klein­bild­film end­gül­tig ver­drängt, aber wer in alten Fami­li­en­al­ben blät­tert wird mit Sicher­heit noch sehr viele Bil­der fin­den, die mit den Boxen gemacht wurden.Unter den Box­ka­me­ras muss das Modell Tengor 54/2 wohl als eine Art Rolls Royce ange­se­hen wer­den. Anders als die meis­ten ande­ren Modelle die mit Fix­fo­kus und fes­ter Blende aus­ge­stat­tet sind, ver­fügt sie über drei ver­schie­dene Fokus­dis­tan­zen (1–2 Meter, 2–8 Meter und 8 Meter-Unendlich) und gleich drei wähl­bare Blen­den­öff­nun­gen (11, 16, 22). Gebaut wurde sie nach mei­nen Recher­chen von 1931–1941. Wobei das Gerät das ich aus­pro­bie­ren durfte defi­ni­tiv nach 1937 gefer­tigt wurde, da es über einen Schie­ber ver­fügt, mit dem das Zähl­werk abge­dun­kelt wer­den kann und dies erst 1937 ein­ge­führt wurde. Wei­tere tech­ni­sche Daten: Eine feste Belich­tungs­zeit von etwa 1/25 Sekunde, einen Umschal­ter für Lang­zeit­be­lich­tun­gen, 2 Bril­lant­su­cher (je einer für Hoch– und Quer­for­mat), eben­falls zwei Sta­tiv­an­schlüsse, ein Anschluss für einen Draht­aus­lö­ser und ein ver­gleichs­weise hoch­wer­ti­ges achro­ma­ti­sches 110mm (ent­spricht etwa 45mm bei einer Klein­bild­ka­mera) Goertz Fron­tar Objek­tiv — was alleine schon erwäh­nens­wert ist, da die meis­ten ande­ren Boxen nur eine ein­fa­che Meniskus-Linse ver­baut hatten.

Wer mehr über Box­ka­me­ras und ihre Geschichte erfah­ren möchte, dem kann ich das Buch „Box-Cameras Made in Ger­many. Wie die Deut­schen foto­gra­fie­ren lern­ten.” nur wärms­tens empfehlen!

Alterbstimmung: Ab 1937 war das Zählwerk mit einem Schieber versehen (links). „Liveview” 1937: Die Tengor-Box 54/2 verfügt über 2 Brillantsucher für Aufnahmen im Hoch- und Querformat. (rechts)

Alt­erb­stim­mung: Ab 1937 war das Zähl­werk mit einem Schie­ber ver­se­hen (links). „Live­view” 1937: Die Tengor-Box 54/2 ver­fügt über 2 Bril­lant­su­cher für Auf­nah­men im Hoch– und Quer­for­mat. (rechts)

Man kann der Kamera zwar ihr Alter anse­hen, aber da der Ver­schluss nach Hör– und Sicht­prü­fung noch ganz geschmei­dig zu lau­fen schien, beschloss ich aus­zu­pro­bie­ren was man mit der Kamera (die immer­hin min­des­tens 73 Jahre auf dem Buckel hat) 2014 noch an Bil­dern pro­du­zie­ren kann. Stil­echt kam dafür erst ein­mal nur ein Schwarz-Weiß-Film in Frage und ich ent­schied mich für den (hin­sicht­lich des Belich­tungs­spiel­raums als gut­mü­tig bekann­ten) Ilford FP4+ mit einer Emp­find­lich­keit von ISO 125. Nun hieß es nur noch auf einen mög­lichst son­ni­gen Tag zu war­ten und das Expe­ri­ment konnte begin­nen. Um bei der fes­ten, lan­gen Belich­tungs­zeit nicht zu viel Unschärfe durch Ver­wa­ckeln zu pro­du­zie­ren ent­stan­den alle Auf­nah­men vom Sta­tiv und mit dem Drahtauslöser.

Schwarz-Weiß Filme kann man auch ohne großen Aufwand zuhause entwickeln...

Und da ich doch sehr gespannt auf die Ergeb­nisse war, und mir sicher war an die­sem Nach­mit­tag keine uner­mess­lich wert­vol­len Kunst­werke pro­du­ziert zu haben, habe ich den Film am nächs­ten Mor­gen ein­fach mal sel­ber entwickelt:
Bild enstanden mit der Zeiss Ikon Tengor 54/2 Boxkamera auf Ilford FP4 Plus 125 Bild enstanden mit der Zeiss Ikon Tengor 54/2 Boxkamera auf Ilford FP4 Plus 125 Bild enstanden mit der Zeiss Ikon Tengor 54/2 Boxkamera auf Ilford FP4 Plus 125 Bild enstanden mit der Zeiss Ikon Tengor 54/2 Boxkamera auf Ilford FP4 Plus 125

Fazit:
Ich bin eigent­lich posi­tiv über­rascht. Obwohl man kaum Mög­lich­kei­ten hat Ein­fluss auf die Belich­tung zu neh­men, sind alle 8 Bil­der die auf den Film pas­sen was gewor­den. Dass die Kamera nur in der Mitte „scharf” abbil­det war klar und zum Teil macht die starke Ran­dun­schärfe ja einen Teil des Charmes der Bil­der aus. Über­rascht hat mich hin­ge­gen, dass die Bil­der mit der Fokus­ein­stel­lung “8m — Unend­lich” unschär­fer gewor­den sind als die Auf­nah­men mit kür­ze­rer Ent­fer­nung. Ins­ge­samt ent­spricht der „Bild­look” aber wei­test­ge­hend dem was ich mir vor­ge­stellt hatte.
Beein­druckt hat mich, dass die Zeit der Kamera bis­her außer ein paar Krat­zern und ein biss­chen Flugrost nichts anha­ben konnte. Dass von mei­ner aktu­el­len Aus­rüs­tung in 70 Jah­ren noch irgend­et­was so funk­tio­niert, wage ich mal schwer zu bezwei­feln… wäh­rend man mit der Box sicher immer noch Fotos machen könnte, wenn es noch Filme gäbe ;)

Was bleibt: Ich werde sicher zukünf­tig keine Hoch­zei­ten mit der Box foto­gra­fie­ren, aber den ein oder ande­ren Film muss ich doch noch mit ihr belich­ten und dabei viel­leicht auch mal einen Stil­bruch bege­hen und sie mit einem Farb­film füt­tern… ich werde wei­ter berichten…

Spaß hat der alte Kas­ten mir auf jeden Fall gemacht… und darum ging es ja hauptsächlich!

Und wenn noch jemand einen alten Dach­bo­den­fund los­wer­den will.…. ;)

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4 Comments

  1. Philipp 8. Juli 2014 at 05:31 #

    Sehr infor­ma­ti­ver Bei­trag mit vie­len inter­es­san­ten tech­ni­schen Details ! Gerne mehr davon !

  2. Ronny 4. August 2014 at 11:43 #

    Sehr schö­ner Bei­trag. Ich spiele wahn­sin­nig gerne mit altem “Kram”.
    Vor eini­gen Jah­ren ergat­terte mein Vater eine Agfa Syn­chro Box für keine 10€ bei ebay und machte mir eine Freude mit die­ser Auf­merk­sam­keit. Kürz­lich, wollte ich wis­sen wie das Teil funk­tio­niert und habe sie zer­legt. Schau an, ein Film was drin, ein AGFA Iso­pan F.
    Wenn man die Ver­kaufs­da­ten von Film und Kamera sich anschaut, muss der Film gut 50 Jahre alt sein. Ich habe Ihn den­noch selbst ent­wi­ckelt und bin mehr als über­rascht das da echt drei Bil­der ent­stan­den. Ich glaube nicht, das wir sowas digi­tal erle­ben werden.

  3. Wolfgang Kreib 17. März 2017 at 22:09 #

    Zeiss Ikon Tengor 54/2
    Hallo und einen guten Abend

    Danke für den net­ten Arti­kel den ich mit Freude gele­sen habe.
    Ich glaube aber das sich ein klei­ner Feh­ler ein­ge­schli­chen hat. Mei­nes Wis­sens hat die Box 54/2 kei­nen Achro­mat (die­ser wurde erst bei der 56 ein­ge­führt) son­dern wie alle ande­ren auch eine Menis­kus­linse. Achro­ma­ten gegan­nen mit einer Anfangs­öff­nung von 9.

    Das Wort Fron­tar ist eine Wort­schöp­fung das auf den Ver­schluß vor dem Objek­tiv zielt, und nicht auf den Ver­schl. hin­ter der Linse der zu der Zeit üblich war.

    Quelle: Man­fred Sohr, Die Box Tengor Steimer:Fotoliste

    ein Box­ka­mera Samm­ler aus Bremen

  4. Förtsch 9. Juli 2017 at 16:41 #

    Hab auf dem Flo­markt heute eine Box­ka­mera Zeiss Ikon gekauft sie had ein wenig gelit­ten nach rei­ni­gung der Lin­sen und mescha­nig­teste hab ich sie wider zusam­men gebaut leder­band ist wegn unsa­cher lage­rung vero­tet und geris­sen zur zeit such ich einig infos dar­über schön wer wen ich ein Hand­buch irgent­wie bekom­men könte auch in PDF das das blech einige rost­stäl­len had muss ich erst mal schauen wie ich am bes­ten die mate farbe wider drauf bekomme und da der rest vom kunst­le­der marode ist muss ich mal mit unserm schus­ter schna­cken ob sowas auch nach­zu­ma­chen ist???.
    mal gespant ob und wie ich wei­ter komme.

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